Ostalgie und Realität: Von Diktatur keinen blassen Schimmer
3d 13h ago by feddit.org/u/SapphireSphinx in dach@feddit.org from taz.de
Mutmaßlich sind es Eltern und Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln ein wie auch immer geartetes Ostgefühl einpflanzen. Immer häufiger fallen Sätze wie: „In der DDR gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Heute gibt es das nicht mehr.“
Eins zu eins meine Mutter.
Das mag sein. Unterschlagen wird dabei aber, dass dieses solidarischere Miteinander vielfach geprägt war von Misstrauen und Kontrolle. 1989 gab es rund 280.000 hauptamtliche und inoffizielle Stasispitzel.
Das möchte Sie dann wiederum nicht hören oder relativiert Sie.
Also das was da als Zusammengehörigkeit dar gestellt wird kann auch einfach eine Zweckgemeinschaft gewesen sein. Ohne Beziehung lief halt nichts. Du gibt's dem Nachbarn ein paar Päckchen Westkaffee, er stellt dir einen neuen Farbfernseher zur Seite von dem sein laden nur 5 Stück geliefert bekommen hat. Du organisiert jemandem Ersatzteile für den Trabbi, er tischlert dir nach Feierabend im Betrieb eine Einbauküche. Wohlstand gab es ohne Organisationstalent und nützliche Beziehungen nicht.
Romantisierung von Mangelwirtschaft. Kannste heute noch bei Kuba-Liebhabern sehen. Wir können es uns heute leisten, nicht mehr das halbe Dorf zu fragen ob jemand irgendwelche Rohre hat.
Ich wäre so hoffnungslos untergegangen… 🫣
Das möchte Sie dann wiederum nicht hören oder relativiert Sie.
Ein guter Freund von uns ist vor dem Mauerfall aus der DDR geflüchtet. Der hat Null Verständnis für so etwas.
Hä hab aber grad so TikTok reel mit der verträumten Nostalgie Musik gesehen und das war voll schön.
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Die (n)ostalgische Verklärung ist tief in der älteren Generation verankert. Bin selbst Ossi und meine Eltern auch - und ich bekomme jedes Mal eine Krise, wenn meine Mutter darüber schimpft, dass die ganzen negativen Berichte über die DDR ja Falschbehauptungen wären.
Eine der absurdesten Aussagen, die mir da immer sofort in den Kopf kommt: Sie erzählt immer, dass es damals in der ganzen DDR zu jeder Zeit Bananen gegeben hätte, weil sie selbst welche hatte. Handlungszwirbler: Sie hat für hochrangige SED-Funktionäre gekocht und konnte sich davon halt immer was mit nach Hause nehmen.
Weil sie persönlich in der glücklichen Lage war, jederzeit diese leckere Südfrucht essen zu können, müssen alle Medien lügen und die DDR war damals ganz toll, außerdem hat 10 Jahre auf nen Trabi zu warten ja auch niemandem geschadet, die Menschen waren viel toller und alle haben viel mehr zusammengehalten. So läuft die emotionsgetriebene "Argumentationskette" dann immer. Das kriegst du aus den Leuten auch nicht mehr rausgeprügelt, die wünschen sich mit viel Bauchi-Bauchi-Gefühl ihre gute alte Zeit zurück und reden sie sich selbst schön.
Unser Gehirn ist so aufgebaut, dass wir aus schlechten Erfahrungen häufig mehr lernen, aber uns an gute Erfahrungen häufig eher erinnern.
Es ist auch einfach merkwürdig, dass es dabei immer nur entweder-oder gibt.
Wenn man feststellt, dass bspw. Kinderbetreuung in der DDR besser war als was wir heute in weiten Teilen in Westdeutschland haben, dann kommt jemand und ruft "Stasi". Ja, äh, kann ich vielleicht gute Kinderbetreuung ohne Stasi haben?
Ist halt natürlich die Frage, ob man für die Forderung nach guter Kinderbetreuung dann die DDR als Vorbild nennen sollte, oder ob man die Forderung nicht einfach als solche stellen könnte. Then again ist ja die Antwort auf viele solcher progressiven Ideen "dat können wir uns nicht leisten, wer soll dat denn alles bezahlen?", dann ist aber ein Verweis auf "warum konnte sich denn aber die pleite Mangelwirtschaft Diktatur DDR das leisten?" angebracht. Oder wie die ganze Gesundheitsbranche gerade MFZs entdeckt, als wäre es der heiße Scheiß. Die sind im Osten nach der Wende alle aufgelöst worden, obwohl das Konzept natürlich brillant ist.
Im Übrigen wird ja umgekehrt auch viel in der Siegererzählung der BRD verklärt: jeder weiß, dass man lange auf einen fabrikneuen Trabbi warten musste, hurrdurr, höhö. Ja toll, auf einen fabrikneuen Mercedes hat man in den 80ern auch 2-3 Jahre gewartet, heute wartet man auf neue E-Autos vom Band auch Ewigkeiten ¯\_(ツ)_/¯.
Ähnlich bei dem im Artikel angesprochenen "man durfte nichts sagen". Okay, sag' mal "From the River to the Sea" oder "Merz leck' Eier" (hier random Beleidigung von einem sPiTzEnPoLiTiKeR einfügen) einmal zu laut.
Oder Mauerschützen. Ist schon besser niemanden zu erschießen, der raus will. Wir erschießen halt Leute die reinwollen (gut, wir schießen (noch) nicht, wir lassen Schlauchboote zurück auf's Meer schieben). How about: wir bringen niemanden um, der über eine ausgedachte Linie geht, egal welche Richtung?
Ich finde einfach den Automatismus komisch. Ich kann doch finden, dass manche Dinge OK oder besser waren in der DDR, ohne dass ich dafür Stasi, Mauerschützen und Verschleppung in den Knast wegen Meinungsäußerung will, oder nicht?
Oder Mauerschützen. Ist schon besser niemanden zu erschießen, der raus will. Wir erschießen halt Leute die reinwollen
Das ist weder moralisch noch völkerrechtlich dasselbe. Länder haben völlig legitimerweise die Möglichkeit, (hoffentlich demokratisch) zu beschließen, (bestimmte) Leute nicht reinzulassen - und das dann auch durchzusetzen. Das ist Ausdruck von Souveränität und es lässt sich sogar argumentieren, dass es notwendig ist, wenn man Demokratie haben will, oder wie will man Demokratie haben, wenn jederzeit jeder aus dem Ausland reinkommen kann und nach einiger Zeit er oder seine Nachkommen Teil des Staatsvolks, das Träger der Demokratie ist, wird?
Leute nicht rauszulassen, ist kein Ausdruck von Souveränität, sondern Freiheitsentzug - die DDR war im Wesentlichen ein großes Gefängnis.
Das sieht auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte so (Artikel 13):
Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.
Das etabliert ein Recht auf Auswanderung, aber nicht auf Einwanderung.
Du kannst viel an unserem Land scheiße finden, das tue ich auch. Das mit der DDR gleichzusetzen ist allerdings völlig überzogen und zeigt letztendlich nur genau das, was im Artikel angesprochen wurde.
Für mich ist "Gleichsetzen" halt was anderes, als das was ich tue.
Mein Punkt ist ja nicht "Ich kann heute genauso wenig sagen, wie früher in der DDR". Das ist Blödsinn. Mir geht es um den abschätzigen Blick dabei, wenn wir feststellen "ist heute besser als damals". Weil, erstens ist es ja eigentlich ein Trauerspiel, dass das überhaupt schon eine Feststellung wert ist. Eigentlich müsste alles besser sein als früher, sonst hat der Fortschritt ja irgendwie versagt.
Dieses "ja, ist auch nicht geil, aber da war es noch viel schlimmer" ist umgekehrt ja auch eine Rechtfertigung für den Status Quo. Eine (ein bisschen) weniger aufgeladene Thematik ist mMn dieses "guck, solange die Chinesen nix machen, müssen wir auch nix machen für den Klimaschutz" (zumindest ist im Gegensatz zum DDR Thema in progressiven Kreisen weniger umstritten, dass das eine Blödsinnsaussage ist). Wenn Menschen das, was sie an der DDR so toll fanden, heute hätten und den ganzen bösartigen, menschenverachtenden Scheiß nicht dazu...dann hätten sie ja irgendwie auch gar keinen Grund dazu, sich random ein Unterdrückungsregime wiederzuwünschen, um ein paar positive erlebte Nebeneffekte mitzunehmen. Ich glaube ernsthaft nicht, dass es irgendwen gibt, der sagt "ich will die guten KiTas aus der DDR, dafür nehme ich in Kauf, dass Menschen erschossen werden oder in den Folterknast kommen". Aber man könnte halt analysieren was genau so geil war an den KiTas und wie wir das auch machen könnten. Aber macht keiner, weil wenn man anfängt sofort "du glorifizierst einen Unrechtstaat" kommt.
Und so, wie man dann bösartig in meinen Kommentar reinlesen kann "aha, du glorifizierst die DDR", kann ich halt auch in dieses "aber ist alles besser jetzt" reinlesen, dass man den Status Quo ganz toll findet. Verstellt halt leider nur den Blick dafür, was man vielleicht lernen könnte.
Im Endeffekt, wie andere das ja auch schon schrieben, bleibt ja genau das "die Lehren daraus ziehen" so unfassbar auf der Strecke, dass es zum Heulen ist. Im Guten wie im Schlechten. Wie auch mit dem NS-Regime. Alle sind sich einig "Nie wieder ist jetzt" und "die DDR war ein Unrechtstaat", aber wir Palantiren und Polizeigesetzen uns geradezu so arg ein, dass die Stasi feucht würde, und zucken mit den Schultern, wenn die Faschisten wieder aus ihren Löchern kommen...aber schön immer wieder "Nie wieder ist jetzt" und "die DDR war ein Unrechtstaat" auspacken am 3. Oktober und 8. Mai.
dann ist aber ein Verweis auf “warum konnte sich denn aber die pleite Mangelwirtschaft Diktatur DDR das leisten?”
Konnte sie ja nicht. Das war ja genau das Problem. ;)
Verherrlichung des toten Landes ist nicht nur Geschichtsvergessenheit, sie ist vor allem gefährlich.
Was ist mit Kinderarbeit für Schokolade und Sweatshops für Markenturnschuhe in der BRD? Wenn die BRD nicht von kolonialen und postkolonialen Strukturen des Westens profitiert hätte, hätte die DDR dann ihre Bürger gängeln müssen, damit sie in der Zone bleiben?
Wir haben jetzt Milliardäre an der Macht, die billigend die Erderwärmung in Kauf genommen haben, damit ihre Konsumblase nicht platzt, mit der die Bevölkerung ruhig gestellt wird. Diese Diktatur wird noch nicht einmal benannt.
Die DDR war gefährlich aber die BRD könnte gefährlicher sein.