„Die Jugend heutzutage …“
16d 18h ago by feddit.org/u/Jemand_DrachenSchaf in SchreibenUndPosten@feddit.org... hält nichts mehr aus.
... sind alle oberflächlich.
... liest nicht mehr.
... hört nur noch seichte Musik.
... und überhaupt sei irgendetwas Grundsätzliches verloren gegangen und die Menschheit dem Untergang geweiht, wegen der jungen Leute.
Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Kritik selbst. Natürlich kann man Entwicklungen kritisieren und vor allem auch davon überfordert sein. Natürlich gibt es Trends, die man unangenehm oder problematisch finden darf. Ich verstehe das Gefühl dahinter aus eigener Erfahrung. Und jede Generation schaut irgendwann auf Dinge, die sie nicht mehr selbstverständlich versteht.
Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen in meinem Umfeld höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen. Viel zu komplexe Wesen für so einheitliche Urteile. Nur bei der Jugend scheint diese Differenzierung plötzlich Urlaub zu machen. Da wird aus Millionen Einzelpersonen eine einzige Figur: die Jugend. Ein beinahe mythisches Wesen mit gemeinsamer Psyche und sogar identischem Musikgeschmack.
Und ich frage mich zunehmend, warum ausgerechnet dort. Vielleicht gehört ein Teil davon tatsächlich zum Menschsein. Junge Menschen probieren meist anderes aus. Sie sprechen oft anders, hören andere Musik, benutzen andere technische Lösungen und bauen sich eine Welt, die nicht dieselbe sein soll wie die ihrer Eltern. Sie wollen sich unbedingt unterscheiden. Das wollte meine Generation, das wollten meine Eltern, deren Eltern usw..
Und vielleicht gehört auf der anderen Seite ebenso dazu, dass Ältere erst einmal die Stirn runzeln und kritisch hinterfragen was die Jungen da tun.
Nur etwas beschäftigt mich dabei. Sollten wir mit vierzig, fünfzig oder sechzig nicht langsam gelernt haben, vorsichtiger mit solchen Urteilen zu werden?
Meine Gedanken wandern dabei zum "Steppenwolf" von Hermann Hesse.
Harry Haller wertet die Zeit in der er lebt quasi permanent ab. Das kulturelle Leben erscheint ihm oberflächlich, laut und minderwertig und beschäftigt sich mit Dingen, die ihm fremd bleiben. Und dabei wirkt er äußerst intelligent und gebildet. Gerade das macht ihn interessant. Er ist sensibel, politisch und ernsthaft suchend.
Nur liegt darin eine kleine Ironie, wenn man den Roman heute liest.
Denn Haller lebt mitten in den 1920er Jahren. Also nicht in einer kulturellen Wüste, sondern in einer Zeit, die von heute betrachtet fast wie ein Gewächshaus der Kreativität wirkt. Architektur, neue Formensprache, Malerei, Film, wissenschaftliche Durchbrüche, Technik, Fotografie, Literatur, Jazz und gesellschaftliche Experimente. Eine Zeit, die eher vor Ideen wucherte, als dass sie kulturell verarmte. Und trotzdem konnte ein intelligenter, kunstinteressierter Mensch mitten darin sitzen und den kulturellen Niedergang beklagen. Das finde ich weniger lächerlich als erstaunlich menschlich. Er verachtet nicht nur Teile seiner Gegenwart. Er verachtet große Teile von sich selbst gleich mit: das Bürgerliche, das Körperliche, das Alltägliche, die Triebhaftigkeit, die Anpassung, die Zerstreuung. Das sind alles Dinge, die er in sich feststellt und mit einer Wucht hasst, dass sie beim lesen wie Selbstverletzung wirken. Er lebt in einer permanenten inneren Zerreißprobe zwischen geistigem Ideal und menschlicher Wirklichkeit. Und SPOILER(!): Die eigentliche Aufgabe, die der Steppenwolf bekommt, ist über sich selbst lachen lernen.
Vielleicht verwechseln viele von uns manchmal Fremdheit mit Verfall, wir verachten manchmal das was andere leben und wir uns nicht trauen. Nicht weil wir böse oder dumm wären. Sondern möglicherweise weil wir dachten, unsere Zeit so gut gestaltet zu haben, dass es nichts mehr zu verändern gäbe.
Die Frage ist für mich weniger: "Braucht die Gesellschaft die Kritik an Trends und Neuerungen, damit die Demokratie funktioniert?" sondern "Bringt es dem einzelnen etwas an der jungen Generation zu verzweifeln und ihnen gar nichts mehr Gutes zuzutrauen?". Und woran es auch liegen mag, vielleicht lohnt sich ein kleiner Moment der Vorsicht, bevor wir sagen:
„Die Jugend heutzutage …“
Mega schöner Kommentar. Hat mir beim Lesen viel Freude bereitet :)
Danke. Freut mich sehr.
Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen.
Da würde ich ja durchaus hinterfragen, ob diese Leute das wirklich wissen, oder ob das halt so gesellschaftlich erwünschte Floskeln sind, die sie gelernt haben. Gerade beim Gejammer über "die Jugend" ist das ja extrem lächerlich, Ältere jammern schon seit tausenden von Jahren so rum und soweit man überhaupt wissen kann, ob es einen Verfall gab oder nicht, war das in der Regel offensichtlicher Blödsinn.
Ja, die Aspekte kommen noch dazu... aber es immer eine Entscheidung wie umfänglich man so einen Text macht. Mir geht es nur darum dass Leute darüber nachdenken ob es sinnhaft ist und ob es ihnen selbst eigentlich gut tut.
Ich beschäftige mich viel mit alten Texten und hatte mal eine Liste gemacht, was ich so an Aussagen über die Jugend gefunden hatte (Disclaimer: nicht alle sind historisch wirklich verifiziert):
„Das Sittenverderben unserer heutigen Jugend ist so groß, dass ich es unmöglich länger bei derselben aushalten kann. Ja, oft geschieht es, dass die nicht in Schranken gehaltene oder nicht gebührend ausgetriebene Zuchtlosigkeit eines einzigen Jünglings von ungesunder Triebkraft und verdorbenen Auswüchsen auch die übrigen noch frischen und gesunden Pflanzen ansteckt“ (ein Schulmeister 18. Jh.).
„Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, daß der Weltuntergang nah bevorsteht“ (nach Melanchton, um 1530).
„Die Welt macht schlimme Zeiten durch. Die jungen Leute von heute denken an nichts anderes als an sich selbst. Sie haben keine Ehrfurcht vor ihren Eltern oder dem Alter. Sie sind ungeduldig und unbeherrscht. Sie reden so, als wüßten sie alles, und was wir für weise halten, empfinden sie als Torheit. Und was die Mädchen betrifft, sie sind unbescheiden und unweiblich in ihrer Ausdrucksweise, ihrem Benehmen und ihrer Kleidung“ (Peter von Morrone, 1274).
„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“ (Keller, 1989, ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer).
„Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten“ (Watzlawick, 1992, ca. 1000 v. Chr., Babylonische Tontafel).
Wie auch schon ein anderer Kommentar schrob, glaube ich aber auch nicht, dass Leute das Allgemeindenken überall ausgeschaltet haben, nur bei der Jugend nicht. Allgemeinbegriffe sind verdammt nützlich und unser ganzes kognitives System ist eigentlich darauf aufgebaut, Dinge zu gruppieren; ohne das würden wir gar nicht klar kommen. Dass wir es bei diskriminierten Bevölkerungsgruppen nicht so sehr aussprechen, liegt auch daran, dass wir uns den Nachteilen durch solche Generalverdächtigungen bewusst sind.
Was mich ja oft viel mehr stört, ist die Frage nach der Verantwortung. Nehme wir nur mal an, es ist wahr, dass die "Jugend" so verdorben ist, wie kam es dann dazu? War es nicht eben der Auftrag der vorherigen Generationen eine Gesellschaft zu bauen, in der nicht soviele Probleme existieren, dass die Jugend nicht mehr klar kommt? Schließlich ist das Verhalten der Menschen psychologisch auch ein Ausdruck der Ablehnung der existierenden Zustände in der Welt.
Ja cool danke fürs Teilen, ich hatte Platon, Aristophanes und Bernard von Clairvaux mal rausgesucht, mich aber dann entschieden den Text anders aufzuziehen.
Was mich stört ist dass sie selbst denken sie wären besser gewesen und ihre Eltern- und Kindergeneration wären generell schlechter... das ist sehr unsympathisch.
Toller Text, der auch absolut Recht hat. Bei diesem Punkt aber:
Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen. Viel zu komplexe Wesen für so einheitliche Urteile. Nur bei der Jugend scheint diese Differenzierung plötzlich Urlaub zu machen. Da wird aus Millionen Einzelpersonen eine einzige Figur: die Jugend. Ein beinahe mythisches Wesen mit gemeinsamer Psyche und sogar identischem Musikgeschmack.
Ist es nicht so, dass gerade dieses verallgemeinernde Schubladendenken auch in anderen Bereichen zu finden ist? Du sprichst die Themen ja schon an. "Männer vs. Frauen" ist ein Klassiker. "Radfahrer vs. Autofahrer" auch einer. Da knattern dann die Synapsen und die Leute gehen sich an die Gurgel. Ich hab auch leider zu viele eigentlich kluge Leute in diese Falle tappen sehen.
So ich hab die Stelle präzisiert. Danke für den Hinweis
Ja, das mag sein, aber in meiner Bubble wenig. Ich hätte klarer machen sollen, dass ich hier von meinem persönlichen Umfeld rede.